Bolivien vor der Wahl: Das Weiße Gold vom Uyuni-See

Bolivien hat die größten bekannten Vorkommen an Lithium. Deutschland will beim Abbau dieses für E-Auto-Batterien wichtigen Alkali-Metalls mitmischen. Die Parlaments- und Präsidentenwahl dürfte dafür richtungsweisend sein.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Wenn Panfilo Huayllas durch sein Dorf Rio Grande läuft, säumen Lastwagen die Straßen. Es sind Dutzende, die derzeit unbenutzt herumstehen. Angeschafft hatte sie der indigene Ortsbürgermeister Panfilo für die Minen-Kooperative der Kommune.

Die Lastwagen sollten eigentlich in diesen Tagen tonnenweise Lithium transportieren. Doch die industrielle Gewinnung des Rohstoffs mit deutscher Beteiligung steht in Rio Grande derzeit still. “Wir haben keine Ahnung, wann es losgeht“, klagt Panfilo.

Rennen um Rohstoff der Zukunft

Vor Kurzem sah das noch ganz anders aus. 2018 jubelte in Deutschland Wirtschaftsminister Peter Altmaier, als die Bundesrepublik den Zuschlag für den Lithiumabbau in Bolivien erhielt. “Erstmals sichert sich Deutschland den direkten Zugriff auf einen Rohstoff der Zukunft”, hieß es damals.

Das Joint Venture Acisa wurde aus der Taufe gehoben. Daran beteiligt waren das Unternehmen ACI aus Baden-Württemberg und der bolivianische Staat unter dem damaligen linken Präsidenten Evo Morales.

Die Vereinbarung war eine faustdicke Überraschung, schließlich hatten längst Firmen aus China und auch Tesla aus den USA ein Auge auf die Vorräte in Bolivien geworfen. Lithium gilt als wichtiger Rohstoff für die Elektromobilität.

Der Schatz im Salzsee

Im Salzsee von Uyuni auf 3600 Meter Höhe in den Anden steckt der weltweit größte Lithium-Vorrat. Geschätzt sind es 21 Millionen Tonnen. Bolivien würde der Rohstoff Geld in die klammen Kassen schwemmen, welches das Land dringend benötigt, um die Armut zu bekämpfen, Straßen auszubessern und Schulen zu bauen.

Die Deutschen wollten zusammen mit den Bolivianern in den kommenden 70 Jahren Lithiumhydroxid in großem Maßstab herstellen. Außerdem hatten sie ihren Partnern aus den Anden den Aufbau einer Batterieproduktion und den dazugehörigen Wissenstransfer versprochen.

Kein Kontakt zu den Deutschen

Doch viele Details des Projekts blieben für die Anwohner des Salzsees im Unklaren, meint Luís Machaca, der Präsident des Bürgerkomitees der Kreisstadt Uyuni. “Keiner der Deutschen hat mit uns gesprochen oder uns erklärt, wie wir Anwohner beteiligt werden.”

So dachten viele, die von dem Geschäft rund um das weiße Gold hörten. Es formierte sich Protest gegen das deutsch-bolivianische Joint Venture. Zudem geriet Präsident Evo Morales im Oktober 2019 nach einer umstrittenen Präsidentschaftswahl massiv in die Kritik. Schließlich annullierte er im damaligen politischen Chaos kurzerhand das Joint Venture.

Kommen andere Unternehmen zum Zug?

Morales selbst nutzte dieser Schritt nichts. Er ging ins Exil und lebt mittlerweile in Buenos Aires. Wenn an diesem Sonntag die Präsidentschaftswahl von 2019 wiederholt wird, entscheidet sich wohl auch die Frage des Lithiumabbaus.

Der Morales-Kandidat aus dem linken Lager, Luis Arce, will das Joint Venture mit den Deutschen wiederbeleben. Sein Gegenspieler Carlos Mesa legt sich bislang nicht fest. Er könnte den Lithiumabbau neu organisieren und womöglich eine chinesische oder US-amerikanische Firma ins Boot holen.

Nicht nur den Rohstoff liefern

Für Panfilo steht fest: “Wir wollen nicht nur den Rohstoff ins Ausland liefern, sondern eine eigene Lithiumindustrie aufbauen.” Das könnte aus seiner Sicht mit den Deutschen gelingen. Neben seiner 2000-Seelen-Gemeinde Rio Grande – einer gespenstisch wirkenden, staubigen Ansiedlung – beginnt die gigantische weiße Fläche des Salzsees “Salar de Uyuni”, die sich bis zum Horizont erstreckt.

Wenn der darin enthaltene Lithiumschatz, der in der Salzlake in bis zu 50 Meter Tiefe steckt, abgebaut wird, “müssen die Profite mit dem weißen Gold unserer Gemeinde zu Gute kommen”, fordert der Bürgermeister. Panfilo will konkret wissen, welcher Anteil vom Gewinn in seiner Gemeinde hängen bleibt. Darüber müsse man dringend sprechen, bevor wenige Kilometer entfernt die Bauarbeiten losgehen. Auch will er, dass die Minen-Kooperative der Gemeinde als Logistikpartner miteinbezogen wird.

Panfilo steuert er seinen weißen Jeep zu einem Brunnen außerhalb seines Dorfes. Dort befindet sich das unterirdische Trinkwasser-Reservoir der Einwohner von Rio Grande. Noch haben sie genug Wasser, das sie aus 70 Meter Tiefe hochpumpen. “Wir fordern Zusagen, dass uns nach Beginn des Lithiumabbaus nicht das Wasser abgezapft wird”.

Hoffnung auf langfristige Jobs

Während Panfilo glaubt, dass die Zusammenarbeit mit den Deutschen fortgesetzt werden sollte, ist Luís Machaca eher skeptisch. “Wir wollen größere Investitionen und eine finanzstarke Firma, die ausschließlich hier Batterien baut und Jobs schafft”, erklärt der Mann vom Bürgerkomitee Uyuni.

Erst nach den Präsidentschaftswahlen wird die neue Regierung über die Zukunft des Lithiumabbaus entscheiden. Die Deutschen müssen dann viel Überzeugungsarbeit leisten – auf höchster politischer Ebene und auch bei den Anwohnern am Salzsee.

Mehr zu diesem Thema am Sonntag um 19.20 Uhr im ARD-Weltspiegel


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Dominik

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